Im Test: Here They Lie

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Ohne erklärende Einleitung wird der Spieler direkt in eine fahrende U-Bahn geworfen (Half-Life 2 lässt grüßen!) und kommt an einem riesigen Bahnhof an. Die gesamte, wie ausgestorben erscheinende Welt wird in stark ausgebleichten Farben, beinahe monochrom, dargestellt, nur eine Frau in gelbem Kleid sticht hervor. Auch das kurze Treffen mit selbiger gibt mehr Rätsel auf, als es löst, und als sie sich davon macht, lautet die Mission des Spielers ganz einfach: Finde die Frau in Gelb!

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VR-Neulingen sei an dieser Stelle sogleich gesagt: Here They Lie war der erste PlayStation VR-Titel, der mir echte Übelkeit verursacht hat. Nach einer Stunde Zocken musste ich erst einmal eine ganze Weile auf die Couch – und das, wo ich doch am liebsten weitergespielt hätte! Glücklicherweise stellt sich bald ein Gewöhnungsfaktor ein und auch längere Sessions sind kein Problem mehr, daher: einfach nicht vom ersten Gehversuch mit VR entmutigen lassen.

Das Eintauchen in die bizarre Welt von Here They Lie ist ein unglaublich intensives Erlebnis. Dass die PlayStation 4-Konsole für grafisch aufwendige Spiele vergleichsweise schwach auf der Brust ist, weiß man ja mittlerweile, doch die bewusst ausgebleichte, diffuse Präsentation der Spielumgebung macht hier viel wett. Man erwartet von Beginn an gar nicht, super detaillierte Texturen zu sehen, weil klar ist: Das hier ist eine Traumwelt. Besser: Eine Alptraumwelt, die nichts mit der Realität zu tun hat, und dabei doch an allen Enden und Ecken an sie erinnert. Unheimlich.

Tatsächlich begegnet man kurz nach Verlassen des Bahnhofs vom Anfang der vermutlich gruseligsten Stelle des Spiels: Man soll die Ausläufer einer scheins endlosen, toten Stadt durchqueren und ist dabei nicht allein: Nicht unbedingt ausgefallene, aber effektive Monster wandern an ausgewählten Stellen durch die engen, verwinkelten Gassen. Das „Gute“: Sie bemerken einen nur, wenn man sie anguckt und sich auffällig bewegt. Worte vermögen nicht zu beschreiben, was das für ein Gefühl ist, wenn plötzlich ein Monster vor einem steht und man nicht mehr wegrennen kann, weil es einen dann mit Sicherheit anspringen würde – und dann nervös irgendwohin guckt, am besten zu Boden, nur nicht zum Monster, weil das ja für Aufmerksamkeit sorgen würde! Und dann hört man nur noch, wie die höllische Kreatur gemächlich in nächster Nähe an einem vorbei schleicht …

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Neben der wirklich eindrücklichen, intensiven Mittendrin-Erfahrung macht Here They Lie vor allem zwei Dinge sehr gut: Zum einen verzichtet es vollkommen auf Kampfmechaniken. Zyniker sprechen jetzt vom „Walking Simulator“, tun dem Spiel dabei aber Unrecht: Abgesehen vom erwähnten Schleichen unter Monstern gilt es an anderer Stelle, vor drohender Gefahr wegzulaufen, optionale Gegenstände zu finden (u.a. Batterien für die Taschenlampe, die gern mal ausfällt) oder aber diverse Notizen zu finden, ehe es weiter geht. Durch das Mittendrin-Gefühl entsteht trotz mehr als fair gesetzter Checkpoints eine existentielle Bedrohung, die die spielerische Simplizität im Vergleich zu Titeln wie The Witcher 3 oder Metal Gear Solid 5 mit Leichtigkeit ausgleicht.

Zum anderen, um auch zum zweiten Punkt zu gelangen, ist das Level-Design eine echte Klasse für sich. Einer meiner persönlichen Dauerkritikpunkte an Videospielen ist das viel zu realitäts-nahe Welten-Design, das sich zu sehr den Regeln unserer Physik unterwirft. Here They Lie macht Schluss mit Einstein und gibt sich ganz dem H. P. Lovecraft´schen Horror hin: Da läuft man einen U-Bahn-Steig entlang und sieht auf einmal, dass sich der Weg allmählich nach oben biegt, in der Ferne irre Kurven macht und selbstredend unpassierbar ist. Als wäre die Welt von einer unbekannten Kraft verbogen worden. Oder aber man läuft durch ein vertikal ausgerichtetes Rotlicht-Viertel, das von Menschen mit Tiermasken auf dem Kopf bevölkert ist. Guckt man in den „Himmel“ oder über ein Geländer in den Abgrund, sieht man die ewige Fortsetzung des Viertels, ein Gefühl von Wahnsinn greifbar machend.

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Viele Spieleentwickler müssen noch ein Gefühl dafür bekommen, was in Virtal Reality klappt und was nicht. Wenngleich der Horror-Titel Resident Evil 7 an spielerischer Substanz mehr zu bieten hat, begreift Here They Lie doch besser, dass die höhere Interaktion im Capcom-Titel gar kontraproduktiv sein kann: Viele Spieler fanden RE7 in VR zu gruselig, mich selbst eingeschlossen. Dadurch, dass in Here They Lie gar nicht erwartet wird, dass man knappe Kämpfe bestehen muss, wird man nicht dem Frust über das eigene Scheitern ausgesetzt, sondern kann sich voll und ganz auf den immersiven Alptraum einlassen – und der ist gruselig genug, dattebayo! Puh, mal eben die Gruselatmosphäre mit einem Naruto-Spruch neutralisiert.


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