Isekai – Von den anderen Welten

Vielleicht ist es nicht die verkehrteste Idee, an dieser Stelle endlich den japanischen Begriff zu erklären, auf dem der Name dieser Website beruht. Wer sich bisher gefragt hat, wie man „e-Sekai“ am besten ausspricht, dem wird beim Anblick von „Isekai“  womöglich ein Licht aufgehen. Die Isekai hat in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen, beinahe jede neue Saison beinhaltet gleich mehrere Anime-Serien, die sich des Isekai-Konzepts annehmen. Doch was ist das nun, diese „Isekai“ – 異世界?

„Isekai“ bedeutet soviel wie „andere Welt“, „seltsame Welt“ oder eine ähnliche Variation dessen. Der Begriff begründet ein Genre von Anime (obgleich auch Hollywood-Beispiele existieren, dazu später), das einem ganz bestimmten Grundaufbau folgt, nämlich dem Erreichen einer fremden Welt, die vom meist unserer Realität entstammenden Helden entdeckt werden will.

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Bereits vor der Jahrtausendwende gab es Anime wie „Planet der Dinosaurier“ oder „Vision of Escaflowne“, in denen die Helden sich plötzlich in einer ungeahnten Alternativ-Realität wiederfinden. Seinen Höhepunkt fand das Isekai-Genre jedoch mit der Ausstrahlung von „Sword Art Online“. Das Konzept der Matrix-ähnlichen MMORPG-Welt brachte die bis dato streng Fantasy-basierte Isekai hin zu einer ansprechenden, modernen Einbindung, die eher Richtung SciFi geht und damit den heutigen Zeitgeist vieler Fans trifft – schließlich geht es beim Isekai-Konzept verstärkt um die Immersion, also das Mittendrin-Gefühl, das „Sich selbst hinein versetzen“.

Über das Erzählen einer bloßen Geschichte hinaus, dient das Isekai-Genre vor allem auch dem Eskapismus, also der Flucht vor der schnöden Wirklichkeit. „Das könnte ich sein!“ ist der Grundgedanke vieler solcher Anime, weshalb der Startpunkt auch meist ein (knappes) Darstellen der Realität des Helden ist, nur um dann fix den Sprung zur Isekai hin zu vollziehen, wo alles neu, alles fremd ist, und die Möglichkeiten unbegrenzt erscheinen. Vor allem: Die meisten alternativen Realitäten beherbergen Kulturen, Zivilisationen und generell Rahmenbegingungen, die dem Leben einen greifbaren Sinn geben, etwas, das vielen Menschen im Alltag fehlt. „Das Happy End dieser fremden Welt ist von mir abhängig!“

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In „Re:Zero Kara Hajimeru Isekai Seikatsu“ erfährt man so gut wie nichts über Protagonist Subaru, ehe er von einer fremden Macht in eine mittelalterliche Welt mit Magie und Monstern entführt wird. Bald schon entdeckt er besondere Fähigkeiten in sich und findet eine Prinzessin, die vor Anschlägen zu beschützen sein großes Ziel wird. Im zuvor genannten „Sword Art Online“ (kurz: SAO) geht Held Kirito nach der Schule nach Hause, legt sich ins Bett, setzt seinen NervGear-Helm auf und befindet sich in Aincrad, der perfekten Simulation einer Fantasy-Welt eines VR-MMORPG, dessen Welt eine gigantische schwebende Insel ist. Es kommt zu einem lebensbedrohlichen Zwischenfall, der verhindert, dass die Spieler sich ausloggen können, der einzige Weg, die virtuelle Welt zu verlassen, ist, den letzten Bossgegner des Spiels zu besiegen. Einen ähnlichen Weg geht „Log Horizon“, wobei die virtuell gefangenen Spieler gar nicht wissen, ob sie noch reale Körper besitzen, die auf sie warten, und deshalb damit beginnen, sich dauerhaft in der Fantasy-Umgebung einzurichten. „Hai to Gensou no Grimgar“ wäre ein weiteres Beispiel unter vielen.

Mittlerweile hat die Isekai sogar Comedy-Varianten erreicht, darunter vor allem das erfolgreiche KonoSuba („Kono Subarashii Sekai ni Shukufuku wo“ voll ausgeschrieben), dessen Held ebenfalls in einer archetypischen Mittelalter-Fantasy-Welt wiedergeboren wird und von einem Unglück ins nächste stolpert. In „Overlord“ ist der Held wieder einmal in einer Online-Welt gefangen, allerdings mit dem Twist, dass er in der Faktion der Bösewichte ist und fortan als „Held“ gegen die eigentlich Guten kämpft. Ein weiterer Versuch der Frischzellenkur des Isekai-Genres liegt im Auf-den-Kopf-Stellen der Idee: So kommen in „GATE: Jieitai kanochi nite“ oder „Re:Creators“ Fantasiewesen in unsere reale Welt.

Den meisten etwas bekannter dürfte der Ghibli-Film „Chihiros Reise ins Zauberland“ (Sen to Chihiro no Kamikakushi“) sein, in dem die junge Heldin mit dem titelgebenden Namen durch ein magisches Portal in eine bizarre Welt mit allerlei Ungeheuern und seltsamen Regeln gerät, um ihre Eltern zu retten. Auch Hollywood hat unzählige Beispiele für Isekai-Filme, darunter natürlich die Matrix-Filme, in denen Hauptfigur Neo ein halbwegs normales Leben führt, ehe er irgendwann auf Morpheus trifft und sich zwischen roter und blauer Pille entscheiden darf . Etwas neuer ist der Film „John Carter“, der den Abenteurer auf den Mars führt, wo er auf Aliens und fremde Zivilisationen trifft. Selbst der 1968er Film „Planet der Affen“ ist letztlich nichts anderes als ein Isekai-Film, der den Astronaut Taylor in eine von intelligenten Affen bevölkerte Dystopie führt.

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Am Ende entspringt der Erfolg des Isekai-Genres wohl auch einem gewissen Fernweh, dem Verlangen nach einem Tapetenwechsel, allerdings mit, und das ist wichtig, einem Anker in der Realität. Erst durch diesen Anker werden Selbstidentifikation und Eskapismus möglich. Abseits von Anime und Filmen spielt die Idee der anderen Welt auch in Videospielen eine große Rolle, wo dank hinzugewonnener Interaktion mit der visuellen Präsentation ein nochmals höherer Grad der Immersion erzielt wird. Nicht umsonst erfreuen sich MMORPGs weltweit großer Beliebtheit, seit Ende 2016 ist Virtual Reality im Massenmarkt angekommen, und selbst das ständige Starren auf’s eigene Smartphone könnte als Sprung in eine andere Welt bezeichnet werden.

Die Konsequenz des Isekai-Erfolgs wirft dabei jedoch eine negative Bilanz für unsere echte Welt auf: Warum finden soviele Menschen die Fantasiewelten interessanter und spannender als die Realität? Eine Frage, deren Beantwortung an dieser Stelle zu weit führen würde.

異 (i): Bedeutet soviel wie anders, seltsam, unüblich
世界 (sekai): Der japanische Begriff für „Welt“, im erweiterten Sinn auch „Universum“

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