Die Kinder vom Berghof

Ein interessanter Umstand, der sich durch fast alle Serien meiner (unserer?) Kindheit zieht, ist die enorme zeitliche Distanz, die zwischen der japanischen Erstausstrahlung und der Veröffentlichung im deutschen Fernsehen liegt. Bereits 1983 erschien „Arupusu no Monogatari: Watashi no Anetto“ (wörtlich: „Abenteuer in den Alpen: Meine Annette“) in Japan. Erst 1995, also stolze 12 Jahre später, zeigte RTL2 „Die Kinder vom Berghof“ in deutscher Sprache. Später folgte eine Wiederholung auf Tele5. Die zeitliche Verzögerung macht vielleicht deutlich, welch Neuland Anime hierzulande damals noch waren. Andererseits: Immerhin kamen schließlich Anime im deutschen Free TV. Heutzutage ist man auf Streaming-Services und Disc-Versionen angewiesen.

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Die Geschichte der Kinder vom Berghof erzählt in erster Linie die sich wandelnde Beziehung der beiden Hauptfiguren Annette und Lucien. Beide sind die Kinder von Bauernfamilien in den Bergen nahe des Dorfes Rossinière, wo alle Kinder der Umgebung gemeinsam zur Schule gehen. Annettes Mutter stirbt zu Serienbeginn bei der Geburt von Annettes Bruder Dany, weshalb die bis dahin anderenorts lebende Großmutter in die Berghütte zieht und entscheidend bei Erziehung und Haushalt hilft. Das erste Drittel der Serie beschreibt dabei den unterhaltsamen Alltag der Kinder in den Alpen am Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz nach der Jahrhundertwende. Jungs, die Unsinn treiben und in Folge vom Lehrer auf die Finger bekommen. Mädchen, die sich erwachsen geben, aber immer wieder erkennen lassen, dass sie eben doch Kinder sind. Und zwischendrin erlebt man die Pflichten im häuslichen Umfeld, ob nun Kühe melken, Stall ausmisten oder Holzscheite hacken.

All das nimmt eine unerwartete Wendung, als der kleine Dany mehrere Meter tief in eine Schlucht stürzt und sich dabei einen komplizierten Beinbruch zulegt. Lucien hatte sich zuvor böse mit Annette zerstritten, und die geladene Stimmung überträgt sich auf Danys zahmen Hermelin, als der Junge am Rand einer Alm auf Lucien trifft. In blinder Wut wirft Lucien das kleine Tier in Richtung Schlucht, das sich knapp am unteren Rand der Steilwände festhalten kann. Beim Rettungsversuch schließlich stürzt Dany ab und bleibt bewusstlos am Grund liegen.

Später geht es ihm zwar den Umständen entsprechend gut, doch Schwester Annette kann Lucien nicht vergeben, zumal bald herauskommt, dass Dany nie wieder ohne Krücken laufen können wird aufgrund des komplizierten Bruchs. Die Serie legt ihren Fokus nun auf die Spannung zwischen den beiden, die tief sitzende Depression Luciens, der sich immer weiter von allen zurückzieht und sich auf einsame Schnitzereiarbeiten konzentriert. Etwas später hat der kleine Dany Lucien längst verziehen, doch es bedarf der Rettung durch Lucien, dass auch Annette ihm vergibt und nach langem Ringen die alte Freundschaft wieder aufflammen lässt.

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Spannenderweise ist die Serie an dieser Stelle nicht zu Ende, sondern thematisiert im letzten Drittel das Drama um Danys Bein. Die örtlichen Ärzte konnten nicht helfen und alle hatten sich mit den vermeintlichen Tatsachen abgefunden, da erfahren sie von einem Chirurg, Dr. Givette, der im weit entfernten Montreux praktiziert. Die Operation ist jedoch zu teuer für die bescheiden lebende Bergbauernfamilie. Ungeachtet des eisigen Winters macht sich deshalb Lucien zu Fuß auf den Weg nach Montreux, und wählt dabei die gefährliche Route über einen Bergkamm. Getrieben von dem Wunsch, Danys Bein wieder gesund zu machen und damit seine Schuld zu begleichen, schleppt sich der Junge weiter und erreicht tatsächlich, völlig entkräftet, die fremde Stadt, wo er vor besagtem Dr. Givette zusammenbricht. Jetzt geht endlich alles gut, Dany wird nach einer Untersuchung kostenlos operiert, Lucien und Annette sind wieder beste Freunde und das Leben in Rossinière geht weiter

Woran ich mich am besten erinnern kann, ist die greifbare „Awkwardness“ der Geschichte ab dem Zeitpunkt von Danys Sturz in die Schlucht. Gerade damals, als ich selbst Kind war, konnte ich gut nachempfinden, wie das ist, wenn man etwas Schlimmes getan hat und dann nicht weiß, was man tun soll (nein, andere Kinder in Schluchten geschubst habe ich nicht, aber … na, nix da!). Lucien wusste selbst ganz genau, wie schlimm Danys Unfall war, aber ein kompliziert gebrochenes Bein konnte er, konnte vermeintlich niemand, wieder gut machen. Was also tun? Und dann muss man mit ansehen, wie der Arme mit seiner permanenten Unsicherheit zu kämpfen hat. Darf ich das? Ist das okay? Darf ich wieder lachen? Dieser Zwiespalt war interessant, spannend und unangenehm zugleich, und das beim bloßen Zuschauen.

Wenn dann Annette, die nicht verzeihen konnte, durch böse Racheaktionen (bspw. das Zerstören der Holz-Arche, die Lucien für Dany geschnitzt hat) noch zusätzlich Probleme erzeugt, wurde dieses Gefühl von Zerfahrenheit weiter verstärkt – dabei merkt selbst Annette, dass das, was sie tut, gemein ist, steht aber im Konflikt mit ihren Pflichten als große Schwester, die das, was dem kleinen Bruder passiert ist, nicht ignorieren kann.

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Ich sprach bereits im Artikel zu Alfred J. Kwak darüber, dass ältere Anime nicht davor zurückschreckten, auch unangenehme Themen zu behandeln. Bei Die Kinder vom Berghof war es jedoch nicht nur ein einmalig auftretendes Thema, das dann in den nächsten Handlungsstrang überging, sondern ein Verharren auf einem einzelnen Thema, das so unangenehm war, dass es sich auf mich als Zuschauer übertrug. So sehr, dass ich, als ich die Serie als Kind im Wohnzimmer geguckt habe, teilweise nicht wollte, dass meine Eltern das sehen, wenn sie gerade vorbeigingen, so als ob ich selbst dafür verantwortlich wäre, was Lucien oder Annette gerade Dummes taten.

Vielleicht ist das aber auch das größte Lob, das man einer Serie überhaupt machen kann: Die Identifikation und Empathie mit den Charakteren ist enorm, was bei der Erzählung der vielen Abenteuer unterhaltsam ist, beim Auftreten von Problemen aber gleichermaßen ins Gegenteil umschlägt. So oder so ist Die Kinder vom Berghof ein spannendes Drama, das die Gefühlswelt der jungen Helden und Heldinnen glaubwürdig präsentiert und sein Publikum dabei stets ernst nimmt und auch heute noch gut anzusehen ist.


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2 Gedanken zu “Die Kinder vom Berghof

  1. Interessanterweise wird auch ein Gebirge auf Honshu (Japanische)Alpen genannt.
    Die europäischen Alpen üben aber eben auch ihren Reiz auf Schöpfer von Anime aus.
    So auch in „Heidi“.

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