Seichi Junrei – Anime-Fans auf heiliger Mission

Beim Thema „Isekai“ sprechen wir immer davon, in andere Welten einzutauchen, also so wie die Helden der Geschichten in Parallelwelten geraten, so reisen wir durch das Anschauen von Anime und Zocken von Videospielen in deren Welten mit. Was aber, wenn es dieses Eskapismusgedanken überhaupt nicht bedarf und man auch in der echten Welt Schauplätze aus Anime-Serien besuchen kann? Tja, dann macht man sich am besten auf zur „Seichi Junrei“ – 聖地 巡礼!

Seit dem Erfolg des Kinofilms Kimi no Na wa (englischer Titel „Your Name“) ist der Seichi Junrei-Drang bei unzähligen Fans geradezu unbändig. Alle wollen den Berg nahe Hida, Gifu, besuchen. Die Stadtbücherei von Hida hat mittlerweile erlaubt, dass Fotos im Inneren geschossen werden dürfen, was eigentlich verboten ist, und die Stadt selbst hat eigens erstellte Seichi Junrei-Karten veröffentlicht, die Besuchern und Fans des Anime zeigen, wo in der Umgebung die aus dem Film bekannten Schauplätze zu finden sind.

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(Szene aus „Kimi no Na wa“ im direkten Vergleich Anime vs. Realität)

„Seichi Junrei“ heißt soviel wie „heilige Pilgerreise“. Im Kontext der Otaku-Fan-Kultur bezieht sich der Begriff darauf, dass man Orte besucht, die in Anime-Serien/Filmen vorkommen. Früher fanden die Geschichten in Anime oft in Fantasiewelten statt, heute hingegen basiert Vieles auf real existierenden Örtlichkeiten. Ein Grund dafür sind die gestiegenen Produktionskosten, die gesenkt werden können, wenn man Hintergründe über digitale Fotoaufnahmen erstellt, die erfasst und im Sinne der Animeästhetik aufbereitet werden. Anders würde es sich kaum mehr lohnen, detaillierte Szenen darzustellen, in denen, auch aufgrund des Wechsels zu HD-Auflösung, tausende und mehr Details in einer einzigen Szene stecken. Ganz zu schweigen vom kreativen Anspruch, derlei Szenen aus dem Nichts heraus zu erschaffen.

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(Szene aus „Monster“ von Naoki Urasawa vor der Ludwig-Maximilians-Universität in München)

Die oftmals kleinen Ortschaften, die anfangs meist gar nichts vom Auftritt in irgendeinem Anime mitbekommen, sind erwartungsgemäß nicht selten hoch überrascht, wenn plötzlich Scharen von Anime-Fans heranstürmen, um den Ort zu sehen, an dem die Helden der Lieblingsserie irgendetwas erlebt haben. Gerade die kleineren, ländlichen Gebiete sind dabei anfangs völlig überwältigt, wenn statt den üblichen paar verirrten Besuchern dann Dutzende und Hunderte von Leuten herumlaufen. Ein Umstand, den man sich jedoch zu Nutze macht.

Oftmals unterstützen die Produktionsfirmen örtliche Geschäfte durch spezielle Produkte, die es dann nur dort zu kaufen gibt. Die Chiba-Monorail ging noch einen Schritt weiter und hat zeitweise die Durchsagen für Passagiere von Synchronsprechern beliebter Anime-Serien aufnehmen lassen. Schließlich hat die Tourismusorganisation Japans eine offizielle Karte herausgegeben, die auch ausländischen Besuchern dabei helfen soll, sich auf dem Pfad der Seichi Junrei zurecht zu finden.

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Angefangen hat das Ganze übrigens wahrscheinlich mit mit, mal wieder, Sailor Moon, deren Anime 1992 in Japan ausgestrahlt wurde. Dort gab es einen Schrein in Tokyo, den anschließend begeisterte Fans immer wieder besuchten, um Fotos davor zu machen. Was damals noch ein Nischenphänomen war, ist in Zeiten des Internets und Social Media natürlich auf ein völlig neues Level gelangt.

Aber sind Seichi Junrei wirklich so streng japanisch? Auch in westlichen Filmproduktionen gibt es immer wieder Schauplätze, die zum Besuch einladen. Ob nun klassisch Eifelturm, Big Ben oder doch lieber modern die Cheese Cake Factory aus Big Bang Theory oder George Lucas Star Wars-Farm – Seichi Junrei gibt es in allen Bereichen, in denen sich mediales Entertainment und Realität überschneiden. Wart ihr auch schonmal auf einer solchen „heiligen Pilgerreise“? Ab in den Kommentarbereich damit 😀

聖地 seichi: Heiliges Land
巡礼 junrei: Pilgerreise/ Wallfahrt


Kimi no Na wa bei Amazon:

your name. (light novel)

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2 Gedanken zu “Seichi Junrei – Anime-Fans auf heiliger Mission

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