Im Test: Xenoblade Chronicles 2

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Die Welt in Xenoblade Chronicles 2 namens Alrest besteht aus einem einzigen Wolkenmeer, kein Grund und Boden ist vorhanden, kein Gebirge ragt hervor. Einzig der Weltenbaum wächst an einer Stelle gen Himmel. Doch es gibt Leben in dieser dahinsiechenden Weite: Fliegende Titanen von teils gewaltigen Ausmaßen fliegen beständig dicht über den Wolken – so gewaltig, dass auf ihren Rücken ganze Völker leben, Städte errichtet wurden, das alltägliche Leben stattfinden kann. Doch die Titanen sterben, der Lebensraum der Menschen wird kleiner, viel Grund also für kriegerische Auseinandersetzungen.

Inmitten dieser Kulisse geht Held Rex seinem ganz normalen Job nach: Als Bergungstaucher verdient er Geld, indem er ins Wolkenmeer hinabtaucht und möglichst wertvollen Schrott herauf befördert. Im Rahmen eines Spezialauftrags trifft er auf die Aegis namens Pyra, eine besondere Klinge, die ihn fortan begleitet und ihm im Kampf Kraft verleiht. Die ist auch nötig, denn scheins alle Welt ist hinter der Aegis her und möchte sie für sich haben, schließlich ist sie die mächtigste Waffe in ganz Alrest (Klingen, so heißen die Wesen, die aus Kernkristallen beschworen werden können und in allerlei Gestalt und Form daherkommen. Pyra etwa kann als Klinge das Element Feuer kontrollieren und Flammenangriffe ausführen). Nur im sagenumwobenen Elysium, das auf der Spitze des Weltenbaums liegen soll, könnte sie sicher sein. Klar, dass Rex getreu des Bergungstaucher-Ehrenkodex gar keine andere Wahl hat, als Pyra zu helfen!

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Für sich genommen ist die Geschichte, die in Xenoblade Chronicles 2 erzählt wird, nichts allzu Besonderes, ähnliche Handlungen gibt es in unzähligen JRPGs und Anime. Der herausragende Part ist vielmehr das „Wie“. Die Art und Weise, in der die Story präsentiert wird, ist derart gekonnt und kompetent, dass es kaum mehr verwundert, wenn Screenwriter Yuichiro Takeda selbst meint, die Arbeitsweise für die Story von Xenoblade Chronicles 2 habe der für einen Film geglichen. So kommt es, dass sich die reichlichen Filmsequenzen der Hauptgeschichte wie eine hochwertige Anime-Serie gucken.

Ich möchte gar behaupten, in all meinen Jahren als Gamer niemals zuvor eine so in sich stimmig und spannend präsentierte Story erlebt zu haben. Gott sei Dank kann man sich alle gesehenen Filmsequenzen in einem eigenen Menü nochmals angucken! Und allen vom Cliffhanger am Ende von Xenoblade Chronicles X Gebrandmarkten sei versichert: Xenoblade Chronicles 2 für Nintendo Switch erzählt auf mitreißende Weise eine komplette Geschichte. Und sogar ein bisschen mehr.

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Doch Xenoblade Chronicles 2 wäre noch lange kein gutes Videospiel, wäre nur die Handlung hervorragend. Zwar war das Augenmerk der Werbekampagne Nintendos im Vorfeld des Releases auf das Kampfsystem beinahe penetrant, im Nachhinein hat man diesen Aspekt des Spiels jedoch völlig zurecht ins Scheinwerferlicht gestellt. Anfangs fühlt man sich, trotz verständlicher Tutorials, erschlagen von den Optionen im Kampf. Ignoriert man die fehlende eigene Erfahrung aber und probiert einfach fleißig, erschließt sich nach und nach die motivierende Komplexität der möglichen Kampfaktionen.

Jeder Button ist mit einer Funktion belegt, gerade so, dass man niemals durch Menüs scrollen muss, alles ist sofort parat. Wechselt man zwischen den drei ausrüstbaren Klingen, verändern sich auch die verfügbaren Angriffstechniken und ebenso die möglichen Spezialmanöver. Bis es „Klick!“ macht, dauert es viele Stunden, ist es jedoch soweit, ist die Vielfalt der Optionen eine einzige Freude. Und wenn einem schließlich der erste „Full Burst“ gelingt, verspürt man vielleicht gar ein bisschen Stolz.

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Eine grundsätzliche Besonderheit der Open World-Rollenspiele von MonolithSoft ist die Herangehensweise an das Gestalten der Spielwelt: Ein Großteil der Quests, der bereisbaren Orte, der Charaktere, die man trifft, und sonstiger Möglichkeiten ist völlig optional. Das bedeutet, dass man bestenfalls das halbe Spiel gesehen hat, wenn man nur dem roten Faden der Haupthandlung gefolgt ist. Was den einen stören wird, sorgt zur Freude anderer dafür, dass man sich in der Welt von Alrest so richtig verlieren kann – es ist eine fiktionale Welt, erfüllt von Leben und Geheimnissen, die entdeckt werden wollen, aber nie entdeckt werden müssen. Mitverantwortlich dafür ist das geniale Städteaufwertungssystem, über das der Spieler die verschiedenen Orte vom 1- bis 5-Sterne-Rang hochwerten kann.

Dadurch werden neue Quests freigeschaltet, aber auch die Stadtbewohner bekommen neue Dialoge! Auf diese Weise tritt nie der Effekt vieler anderer JRPGs ein, in denen man eine Stadt einmal besucht, alles abgrast, und fortan keinen Grund mehr hat, zurückzukehren – die Städte in Xenoblade Chronicles 2 unterliegen einem ständigen Wandel. Ein praktisches Sternsymbol zeigt übrigens an, welche NPCs neuen Dialog anzubieten haben. Dabei handelt es sich um Kleinigkeiten, oftmals banales Zeug. Doch es verleiht den Bewohnern von Alrest soviel mehr Charakter, wenn man auch die kleinen alltäglichen Sorgen zu hören bekommt,

Hat man von der Hauptgeschichte genug oder ist sogar damit fertig, wartet eine Unzahl an Sidequests auf den Spieler. Die Präsentationsqualität reicht hier von gleichwertigen Filmsequenzen wie aus der Hauptgeschichte bekannt, über starre, jedoch vollvertonte Szenen, bis hin zu einfachen Textgesprächen. Entscheidend ist, dass auch die Nebenmissionen meist spannend und/oder lustig sind. Gerade die deutsche Übersetzung des Fantasievolks der kleinen, niedlichen Nopon ist preisverdächtig, beinahe jeder Dialog mit einem der Fellknäuel ist einen Lacher wert, und sei es nur wegen des herrlich bekloppten „Nu-nu!“, das als Standardreaktion auf die verschiedensten Reden folgt. Nicht minder lobenswert ist die englische Sprachausgabe, die all den charismatischen Figuren Leben einhaucht. Vor allem Party-Mitglied Nia mit ihrem walisischen Akzent ist eine echte Präsenz – umso mehr fühlt man mit ihr und den anderen auf ihrem Abenteuer mit.

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Xenoblade Chronicles 2 ist ein erzählerischer Hochgenuss, der auch auf Gameplay-Ebene zu punkten weiß. Nicht aus reinem Jux betitelte ich das Spiel auf Twitter als „Anime der Saison!“, so spannend ist die Abenteuerreise von Rex, Pyra und Co.. Selbst nachdem etwa 75 Stunden später der Abspann über den Bildschirm rollte, bin ich immer noch mittendrin, derzeit an der 95 Stunden-Marke knabbernd. Und ich wünsche mir Spinoff-Spiele mit Poppi in der Hauptrolle. Und mit Dagas. Und Adenine braucht auch eines. Und …! So bezaubernd sind die Charakter-Designs. Wer noch auf der Suche nach größtmöglicher Videospielunterhaltung über Weihnachten ist, muss nicht länger suchen. Und jetzt wird weitergespielt!


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PS: Eine meiner Lieblingsszenen zwischen den Helden und einem Nopon, der für Mitfahrten auf Schiffen zuständig ist, bei der ich vor Lachen beinahe umgefallen wäre:

Rex:Kein Problem, Leute, Bergungstaucher dürfen umsonst mitfahren!
Freunde:Aber Rex, wir anderen sind keine Bergungstaucher.
Rex:Das wird schon! Also!“ *geht zum Nopon*Ich würde gern auf dem Schiff da mitfahren.
Nopon:Ah, du seien Rex, Bergungstaucher. Alles klar!
Rex:Genau, und meine Freunde fahren auch umsonst mit, geht klar, oder?
Nopon:Wieviele Freunde haben Rex dabei?
Rex:Naja … viele halt!
Nopon: *ganz nüchtern*Sind Freunde Bergungstaucher?
Rex:Ja, ne, aber das … geht schon, oder?
Nopon: *weiterhin eiskalt sachlich, aber freundlich*Was glauben Rex?
Rex: „…“

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2 Gedanken zu “Im Test: Xenoblade Chronicles 2

  1. Insgesamt gefällt es mir auch sehr und bietet durch die Nebenaufgaben locker (weit) über 100 Stunden Spielzeit, wenn man sich darauf einlässt. Ohne, dass es sich für mich nach Gegrinde anfühlt. Abgesehen vom Kernkristall-Sammeln, um die seltenen Klingen zu vervollständigen.
    Ich hätte sogar gerne noch mehr Szenen und Quests mit den seltenen Klingen. Und amdere Quests.

    Manche Dinge sind aber auf Dauer etwas umständlich gelöst, und ein paar mehr Details würde ich mir bei diversen Features wünschen.
    Aber es wird ja noch neben den Expansionpack-Inhalten an Verbesserungen gearbeitet. 🙂

    Gefällt 1 Person

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