Fantastic Children

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Puh, ist das schwierig. Wie beginnt man einen Artikel über die, in meinen Augen, beste Anime-Serie aller Zeiten, ohne den Leser durch dergleichen Superlative sogleich zum abschätzigen Lächeln, vielleicht gar einem Gähnen und unverhohlenen Desinteresse zu bewegen? Schwierig. Ich kann dennoch nicht anders über „Fantastic Children“ schreiben als mit höchsten Ehrbekundungen, so sicher bin ich mir, dass das angebracht ist. Ich will im Folgenden mein Möglichstes tun, dieses fatalerweise kaum bekannte Juwel in einer Art und Weise vorzustellen, die meine Begeisterung für dieses Serie nachvollziehbar werden lässt, ohne dabei wichtige Entwicklungen der Geschichte vorwegzunehmen. Und irgendwie muss es mir außerdem gelingen, euch klar zu machen, dass der „kindische“ Artstyle ganz, ganz toll ist. Verdammt schwierig.

Studio: Nippon Animation
Genre: Seinen, SciFi, Abenteuer, Drama, Romanze
Folgen: 26

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Fantastic Children erschien 2004 im japanischen Fernsehen und umfasst dabei 26 Folgen. Die Geschichte aus der Feder von Autor Takashi Nakamura hat es später in den USA sogar zur englischen Synchro geschafft, bei uns hingegen gibt es noch nicht einmal deutsche Untertitel, Englisch- oder Japanischkenntnisse sind also ein Muss. Tatsächlich habe ich mal überlegt, warum Fantastic Children nie bei uns gezeigt wurde, also etwa um 2004/2005. Diese Übersicht der Veröffentlichungstermine aller RTL2-Anime von Anime2You macht es jedoch deutlich: Fantastic Children kam wohl zu spät für die Entwicklung des deutschen Marktes. 2004 waren Anime hierzulande bereits im gröbsten Mainstream angelangt (Beyblade, Yu-Gi-Oh, Duel Masters), da war für eine Serie mit kontinuierlicher Story und ernsten Themen schlichtweg kein Platz mehr. Wäre die Serie um 1997 erschienen (bspw. zeitnahe mit Nadia: Das Geheimnis von Blue Water), sie wäre wohl ein Bestandteil der Jugenderinnerungen vieler älterer Anime-Fans heute. Das Schöne an der ganzen Misere aber ist: Die allermeisten von euch dürfen sich noch auf diesen Leckerbissen freuen!

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1489, im fiktionalen Dorf Befort in Belgien. Eine Gruppe mysteriöser Kinder in schwarzen Mänteln und mit schlohweißem Haar taucht zum ersten Mal in historischen Aufzeichnungen auf. Die „Kinder von Befort“, wie sie fortan genannt werden, erscheinen über die nächsten 500 Jahre immer wieder überall in Europa und Asien, stets in ihrer dem Anschein nach zeitlosen Gestalt von 11-Jährigen.

Der Anime beginnt schließlich im Jahr 2012. Das Waisenkind Helga sieht in seinen Träumen fortwährend dieselbe Landschaft und spürt das Verlangen, diesen Ort aufsuchen zu müssen. Ihr Freund Chitto, der einzige, der sich um sie kümmert, will ihr dabei helfen, ihren Wunsch wahr werden zu lassen. Eines Tages flüchten sie gemeinsam aus dem streng und unbarmherzig geführten Waisenhaus, hinaus in die weite Welt. Die unmittelbare Umgebung besteht aus einer Ansammlung von größeren und kleineren Inseln, und auf einer davon begegnen die beiden Flüchtigen schließlich Thoma, einem ebenfalls etwa 11-jährigen Jungen, der sein ganzes Leben schon gemeinsam mit seinen Eltern auf einer kleinen Insel lebt, von der aus mit einem Boot Waren in die Stadt geliefert werden. Thomas Vater ist ein Kampfsportmeister, eine Leidenschaft, die Thoma angesteckt hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beschließt auch er, Helga zu helfen, und erweist sich ein ums andere Mal als Retter, wenn es gefährlich wird. Als dann die Kinder von Befort auf der Insel auftauchen, eskaliert die Situation. Und noch ahnt niemand von der geheimen Organisation GED, die hinter den Befort-Kindern her ist.

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Mehr werde ich nicht an Details nennen, um des eigenen Erlebnisses wegen. Wer zynisch und böswillig bis hierhin mitgelesen hat, der könnte anhand des obigen Exposés noch fragen „na und?“, und hätte recht. Dass eine kleine Heldengruppe von anderen verfolgt wird, dabei selbst auf der Suche nach irgendetwas ist, das ist absoluter Standard. Was dann aber jenseits des Gewohnten liegt, ist die aufeinander aufbauende Geschichte, die stets neue Zusammenhänge schafft, ohne dabei allzu verwirrend zu erscheinen. Vielmehr wird der „ich will wissen, wie’s weitergeht!“-Trieb befeuert. Jeder Charakter in Fantastic Children hat seine ganz eigenen Umstände und könnte für eine ganz eigene Story herhalten. Komprimiert auf eine gemeinsame Geschichte erhält man unglaublich realistisch wirkende Figuren, die lebendig und interessant sind.

Ein weiterer Pluspunkt, den leider erfahrungsgemäß die meisten Anime-Fans als negativ zu werten geneigt sind, ist das Charakter-Design. Hier hat man, wie sagt man es am besten, „kindische“ Designs, die eher simpel, dafür jedoch einprägsam gestaltet sind. Das kommt nicht von ungefähr, wurde doch Fantastic Children von Studio Nippon Animation produziert, demselben Animationsstudio, das auch die unter dem Label „World Masterpiece Theater“ veröffentlichten Serien wie „Heidi“, „Anne mit den roten Haaren“ oder „Niklaas: Ein Junge aus Flandern“ umgesetzt haben. Auch Hayao Miyazaki, der später Studio Ghibli gegründet hat, hatte zuvor bei Nippon Animation gearbeitet. Was das konkret bedeutet: Es herrscht ein spannender Kontrast zwischen „kindischem“, simplem, unschuldigem Äußeren und der hochgradig ernsten, dramatischen Handlung im Inneren. Durch diesen Kontrast manipuliert Fantastic Children geschickt die Erwartungen des Zuschauers und kann umso härter in die Magengrube schlagen, wenn … na, das müsst ihr dann schon selbst sehen!

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Bei all dem Lobgesang auf die spannende Geschichte kommt das i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen, aber erst noch: Egal wie verschwurbelt die diversen Handlungsstränge, die voneinander abweichenden Motivationen der einzelnen Charaktere und die Rückblenden auch sein mögen: Am Ende wird alles meisterhaft und auf befriedigende Weise aufgelöst. Fantastic Children ist keine von unzähligen Serien, die am Ende zig Fragen unbeantwortet lassen und zackzack zum Abspann preschen. Hier wird eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt, mit all ihren Details und Finessen, nichts wird vergessen. Und wehe, jetzt kommt jemand mit „ich finde Geschichten besser, die Spielraum zum Selberdenken lassen“ – daran herrscht ja nun beileibe kein Mangel. Zumal es bei Fantastic Children einiges zum Mitdenken gibt.

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Den H-Faktor können wir angesichts einer Serie der „World Masterpiece Theater“-Macher komplett streichen. Wer sich auf den eigenwilligen Zeichenstil einlassen kann, wird in keine peinlichen oder perversen Situationen rennen. Die Geschichte ist ernst, aber nie unnötig brutal, wenngleich das Thema Tod omnipräsent ist. Für Kleinkinder ist die Serie nichts, da scheitert es bereits an der Voraussetzung der englischen Sprache.

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Ich merke beim Lesen des obigen Textes selbst, dass noch immer nicht so richtig klar wurde, warum Fantastic Children ein solches Meisterwerk sein soll. Es ist so frustrierend, weil ich am liebsten jedem halbwegs Anime-Begeisterten diese Serie, die sich durch den eher unglücklichen Titel selbst ein Stück weit torpediert („Fantastische Kinder“? Und „Death Note“ nennen wir ab sofort dann „Ambitionierter Polizistensohn“, eh?!), auf’s Auge drücken will, nurmehr die Worte „guck!!!1“ hervorstoßend. Was aber selbst im Erfolgsfall nicht ganz einfach ist, da die Serie vergleichsweise schwierig, sprich teuer, in die Hände zu bekommen ist. Wie ihr zum Sehen kommt, sei deshalb euch überlassen – am besten aber auf Twitter lautstark für eine Neuauflage auf Blu-ray votieren.

Thoma, der starke, stets positive Helfer. Helga, das mysteriöse, introvertierte Mädchen. Chitto, der treuherzige Freund in allen Lagen. Die Kinder von Befort, die auf ewiger Suche sind. Und die Organisation GED; die heimlich beobachtet. Wo führt die Reise der jungen Helden hin? Am besten selbst herausfinden. Es lohnt sich sehr. Für mich bis heute der beste Anime aller Zeiten.


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