Akagi

Nicht-Anime-Fans werden wahrscheinlich heftig die Augen verdrehen bei der Vorstellung an einen Anime über Mahjong. Eine ganze Serie über dieses doofe kostenlose Windows-Spiel? Und diejenigen hätten damit gleich doppelt Unrecht. Zum einen, weil Serien wie „Hikaru no Go“ und „San-gatsu no Lion“ schon vor Jahren bewiesen haben, wie spannend Anime über dergleichen Spiele sein können. Zum anderen, weil es hier ja gerade nicht um das doofe „finde zwei gleiche Plättchen“-Mahjong geht, sondern richtiges Mahjong.

Studio: Madhouse
Genre: Drama
Folgen: 26

Dass sich Studio Madhouse der Anime-Adaption (voller Originaltitel: Tōhai Densetsu Akagi: Yami ni Maiorita Tensai) angenommen hat, sollte bereits deutlich machen, dass hier etwas Gutes erwartet, kommen doch vom gleichen Produktionsstudio Hits wie „Chihayafuru“, „Claymore“ oder „One Punch Man“. Ich stelle das deshalb besonders heraus, weil weil man angesichts der Thematik und des eher speziellen Artstyles den Eindruck einer eher drögeren Angelegenheit erhalten könnte, doch weit gefehlt. In ganzen 26 Folgen wird der Siegeszug von Shigeru Akagi erzählt und das auf so spannende, eindringliche Weise, dass zu keinem Zeit wichtig ist, ob man überhaupt Ahnung von Mahjong hat oder nicht. Ich wiederhole: Es spielt nicht die geringste Rolle!

Und dennoch, was ist „richtiges“ Mahjong eigentlich überhaupt? Die Windows-Variante jedenfalls ist es nicht. Japanisches Mahjong ist eher vergleichbar mit Pokern in den USA oder Schafkopfen im südlichen Deutschland. Ein anspruchsvolles Kartenspiel (bzw. Plättchenspiel), bei dem es stark um den richtigen Bluff zur richtigen Zeit geht, um ordentlich Kohle zu scheffeln. Detektiv Conan-Fans kennen das etwa von Rans Vater, dem schlafenden Kogoro, der immer wieder durchzechte Nächte mit seinen Mahjong-Partnern verbringt. Die genauen Regeln kenne ich bis heute nicht, in den Grundzügen gilt aber: Es gibt drei Sets von Plättchen mit den Zahlen 1-9, dazu ein paar spezielle Plättchen, und das Ziel ist, alle Plättchen ablegen zu können, indem man man bestimmte Kombinationen zusammen bekommt beim Reih-um-Plättchen-Ziehen. Je nach Kombinationen und Sitzposition gibt es verschiedene Spielmanöver und Rufe, die man tätigen kann. Wenn bspw. ein anderer Spieler ein Plättchen ablegt, das man selbst braucht, ruft man den entsprechenden Spielbefehl und kann sich das Plättchen nehmen bzw. seine eigenen Plättchen abschließen und aufdecken. Weiter ins Detail wollen wir an der Stelle aber nicht gehen, vielleicht gibt es dazu eines Tages einen eigenen Artikel auf e-Sekai.de.

Der bereits genannte Held der Geschichte ist Shigeru Akagi, ein zu Beginn der Serie 13-jähriger Junge. Wobei sich die Frage stellt, ob Held der passende Begriff ist, vielmehr ist Akagi eine Art Phänomen, das man einfach weiter und weiter beobachten muss, so faszinierend sind seine Mahjong-Spiele. Zum japanischen Poker ist er aber nur zufällig gekommen. Anfangs ist er auf der Flucht, nachdem er bei einem wahnsinnigen „wer zuerst bremst, verliert“-Duell gerade so mit dem Leben davon kam. Er platzt in eine Mahjong Runde von Yakuza-Spielern und dabei ergibt es sich, dass er selbst spielen darf/muss. Zum Erstaunen aller gewinnt der Junge, der noch nie Mahjong gespielt hat, die Runde, trotz Mogeln der Mitspieler. Ein anwesender zwielichtiger Polizist nimmt sich seiner an und organisiert weitere Spiele – schnell entwickelt sich die Legende von Akagi.

Was Akagi zum Meisterwerk macht, ist die herausragende Spannung. Man muss sich das so vorstellen als würde man Teller um Teller zu Boden werfen, aber wundersamerweise geht kein einziger der Teller zu Bruch. Auf ähnliche Weise wird auch Akagi in immer gefährlichere, abstrusere und auch unfairere Mahjong-Runden geschleust und bezwingt seine Gegner doch jedesmal. Meisterhaft ist gleichermaßen dieses „allen Widrigkeiten zum Trotz“ als auch die audiovisuelle Präsentation. Fans von „Ultimate Survivor Kaiji“ sind mit dem Artstyle und der damit einhergehenden Präsentation vertraut, allen anderen sei gesagt, dass Akagi durch den geschickten Einsatz von Sound-Effekten, flirrenden Linien und Schriftzeichen eine derart desolate Stimmung erzeugt, dass man selbst mitfiebert und sich womöglich das erste graue Haar dabei holt. Und dann schlägt der Meisterplan Akagis zu und alles ist anders als gedacht.

Anrüchige Szenen sind kein Problem, gewalttätig wird es schon das eine oder andere Mal. Im Umfeld von Yakuzas sind auch brutale Gewalt und Mord nichts Außergewöhnliches. Gerade zum Ende der Serie hin kommt es im Rahmen einer Mahjong-Runde zu einer eher widerlichen, lebensbedrohlichen Bedingung, derer sich Akagi beugen muss. Explizite Gewalt wird dabei jedoch nicht dargestellt.

Wer Mangaka Nobuyuki Fukumotos populäreres “Ultimate Survivor Kaiji” kennt und liebt, sollte unbedingt mit Akagi weitermachen. Während Ersteres aufgrund der allgemein verständlichen Mini-Games Mainstream-kompatibler ist, konzentriert sich Letzteres voll und ganz auf das Erzeugen von Spannung und dichter Atmosphäre in deren reinster Form. Ich kann nicht es nicht oft genug betonen, trotzdem: Ob ihr die Regeln von Mahjong kennt oder nicht, ist völlig egal, die greifbare Spannung während der hochriskanten Spiele geht auch so auf einen über. Das obige Teilwissen über Mahjong weiter oben habe ich mir übrigens erst in den letzten Wochen angeeignet. Akagi hingegen habe ich mindestens dreimal komplett geguckt – und ein baldiges Wiedersehen fest eingeplant (Fake-Edit: Mittlerweile bin ich mittendrin!).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s