„müssen“ auf Japanisch

Nein, es geht nicht um den Gang zur Toilette! Eine der wenigen komplizierteren japanischen Grammatikstrukturen ist das Ausdrücken von „müssen“. Das liegt vielleicht in der allgemein bekannten japanischen Höflichkeit begründet, denn geht man der Konstruktion des japanischen „Müssen“ auf den Grund, klingt selbst das zurückhaltend (siehe Bonus-Abschnitt). Sei’s drum, die nachfolgende Grammatikstunde ist etwas mühseliger als sonst, vor allem deshalb, weil es mehrere Möglichkeiten gibt, sich zu formulieren, je nach Situation und Gegenüber. Los geht’s!

Um erst einmal eindeutig zu machen, worum es geht: Wir wollen sagen „du musst nach Hause gehen“ – wie heißt das im Japanischen? Die einzelnen Vokabeln sind uns geläufig (du = kimi, nach Hause = uchi e, gehen = iku), bis auf dieses vermaledeite „Müssen“. Dafür gibt es nämlich kein spezielles Wort, so wie bei uns oder im Englischen („must“, „have to“). Hier gilt es tatsächlich, echte japanische Grammatik beherrschen, denn nur durch die richtige Umformung des Verbs haftet dem Wort schließlich der Zusatz „müssen“ an.

Die Grundlage für die korrekte Wortbildung ist dabei die „nai“-Form des Verbs bzw. der „nai“-Wortstamm. Mehr dazu in folgendem e-Sekai.de-Artikel. Die höfliche Form von „Müssen“, die man an der Universität als Erstes erlernt, lautet „-nakereba narimasen“. Bei unserem Beispielsatz mit „gehen“ wird aus „iku“ also „ikanakereba narimasen“ („gehen müssen“). Uff, fürchterlich lang, nicht? Anfangs macht einem dieses gefühlt endlose Anhängsel schwer zu schaffen, doch je mehr man sich damit vertraut macht, desto einfacher wird es. Im Kern müsst ihr nur das Anhängsel selbst verinnerlichen, dann klappt das dranhängen an den „nai“-Wortstamm.

Aber Japanisch ist eben nicht immer höflich, weshalb auch für diese Konstruktion verschiedene Varianten existieren. Vier davon sind mir bekannt, die da im Folgenden lauten (Basis ist weiterhin der „nai“-Wortstamm von iku/gehen):

  • ikanakereba naranai (höflich)
  • ikanai to naranai (casual)
  • ikanakya naranai (noch „mehr“ casual)
  • ikaneba naranai (veraltet/dramatisch/emotional)

Wenn ihr genau hinseht, erkennt ihr schnell, dass die Bildung der verschiedenen Formen jedesmal demselben Prinzip folgt: „nai“-Wortstamm + jeweiliges Anhängsel. Reine Lernsache!

Wann welche Variante gebraucht wird, lässt sich grob wie folgt sagen:

  • nakereba naranai“ ist höflich und wird auf professioneller Ebene verwendet, vor allem gegenüber Vorgesetzten.
  • nai to naranai“ ist die geläufige Variante unter Freunden. Dabei wird oft auch das „naranai“ weggelassen, „nai to“ ist ausreichend.
  • Selbiges gilt für „nakya naranai“, eine noch umgangssprachlichere Variante, die man vor allem in modernen Anime-Serien häufig zu hören bekommt.

Die letzte Variante, die mit „neba naranai“ gebildet wird, ist hingegen mehr oder weniger obsolet im heutigen Japan. „Neba“ haben früher bspw. Samurai verwendet. Grundsätzlich kommt mit dieser Variante eine starke, oft emotionale Überzeugung zum Ausdruck, im Sinne von „etwas MUSS sein, es kann gar nicht anders sein, weil ich fest daran glaube!“. Benutzt ihr diese Konstruktion im Alltag, kann es deshalb sein, dass man euch seltsam anguckt. Andererseits ist die Vorstellung daran auch irgendwie lustig … hm …

Zusätzlich zu den vier erläuterten Varianten für die Bildung von „Müssen“ sollte auch erwähnt sein, dass nicht immer „naranai“ danach folgen muss. Schon das ist nur die Kurzform von „narimasen“, das natürlich genauso funktionieren würde. Anstelle von „naranai“ kann aber auch „ikenai“ bzw. „ikemasen“ stehen (hier nicht verwechseln mit unserem „iku“, das als Beispiel diente!). Anstelle von „ikanakereba naranai“ könnte man also auch schreiben: „ikanakereba ikenai“. Und das entsprechend auf die anderen Varianten angewandt.

Puh, ganz schön viel zu verdauern, oder? Lasst euch deshalb sagen: So schwer ist es nicht und ist man erstmal in der Materie drin, fragt man sich, wie man jemals Schwierigkeiten damit haben konnte. Hilfreich sind in jedem Fall japanische Hörinhalte (Anime zum Beispiel!), da Japanisch eine unglaublich ausdrucksstarke, individuelle Sprache ist und man erst durch ständiges Hören verschiedener Personen alle Varianten zu hören bekommt. Denn (leider) gibt es noch viele andere Möglichkeiten, dieses und jenes auszudrücken, oftmals nur als kleine Variation einer bekannten Variante. Davon aber an dieser Stelle kein Wort mehr, für diesmal reicht’s!

„Yatto nenakya!“

Bonus: Wer tatsächlich noch nicht genug hat, darf jetzt meine ganz eigene Herleitung des japanischen „Müssen“ nachlesen. Ich hatte eingangs erwähnt, dass bereits die grammatikalische Konstruktion von „Müssen“ im Japanischen höflich ist. Damit meine ich, dass die Bildung des Anhängsels „nakereba naranai“ in meinen Augen nichts weiter als eine Aneinanderreihung grammatikalischer Kleinststrukturen darstellt. Es könnte jetzt kompliziert werden, doch wir sehen uns das Schritt für Schritt an:

  • „na“ kommt von „nai“, also auf Deutsch „nicht“
  • „ke“ ist die Potential-Form („können“) von „ku“, das also „naku“ hieße (nicht sein) und zu „nakeru“ (Infinitiv) wird
  • „reba“ ist Bedingungs-Form („wenn/falls“), aus „nakeru“ wird dabei „nakereba“
  • „naranai“ ist ganz einfach die „nai“-Form von „naru“ („werden“)

Übersetzt man das alles streng wörtlich, erhält man:

wenn nicht sein kann, wird nicht werden

Und etwas schöner:

Was nicht sein kann, wird auch nicht passieren

Ich fand die Vorstellung immer amüsant, dass Japaner beim Verwenden von „Müssen“ eigentlich zurückhaltend (oder gar passiv-aggressiv :D) sagen:

„Dass du dein Zimmer nicht aufräumst, kann nicht sein, also wird es nicht passieren!“ → „Du musst dein Zimmer aufräumen.“

„Kann gar nicht sein, dass wir zu spät zur Kinovorstellung kommen, also wird es auch nicht so sein.“ → „Wir müssen rechtzeitig zur Kinovorstellung kommen!“

Merkt euch das nicht, das ist ein reiner Bonus, eine sprachliche Spielerei, über die ich nachdachte, weil ich irgendwann fand, dass „nakereba“ ein gar seltsames Wort sei und vielleicht mehr dahinter stecken hätte können. Ob meine Herleitung korrekt ist, habe ich nie überprüfen können. Soweit ich es sehe, passt sie jedoch und weil mich das Ergebnis amüsiert, bleibe ich dabei ;D

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