Im Test: Deadly Premonition Origins

Deadly Premonition Origins ist in vielerlei Hinsicht der ultimative Test für all diejenigen, die von sich behaupten, nicht oberflächlich zu sein. Unglaublich hässliche Grafik, gepaart mit schwankender Framerate, die häufig deutlich unter die 30fps geht, und dazu noch schlechtes, bestenfalls tolerables Shooter-Gameplay. Mein eigener erster Eindruck war: „hm, sieht aus und fühlt sich an wie ein frühes PlayStation 2-Spiel“. Mein zweiter Eindruck war dann, nachdem ich in-game Auto fahren durfte: „okay, vielleicht auch PlayStation 1“. Doch dann, irgendwann, passiert etwas. Etwas funkt. Und dann ist plötzlich, gleich einer Epiphanie folgend, klar, dass man hier gerade ein Meisterwerk spielt, das wirklich jeder, der auf gute Geschichten steht, erlebt haben muss.

Ich bin froh, an dieser Stelle genau dasselbe tun zu können, das auch viele andere Berichte zu „Deadly Premonition“, die man im Netz finden kann, tun. Denn wer sich mal umsieht, der findet immer wieder Varianten derselben Aussagen, wie ich sie im Einleitungsparagraph getroffen habe. Deadly Premonition ist eines dieser Machwerke, die es eigentlich überhaupt nicht geben dürfte, nicht geben kann, aber doch geben tut. Im Folgenden könnte ich groß über die einzelnen Elemente des Spiels schreiben, und in Ansätzen werde ich das auch, damit ihr einen kleinen Eindruck erhaltet, aber grundsätzlich ist es im Fall von Deadly Premonition tatsächlich besser, möglichst wenig zu wissen, bevor man das Spiel beginnt. Aus diesem Grund sind Vergleiche zu anderen Spielen (und Filmen) tatsächlich hilfreicher, weil eine Spielbasis vermittelt wird, ohne Details des eigentlichen Spiels zu verraten. Wem deshalb zu wissen reicht, dass Deadly Premonition eine Art „Silent Hill meets Twin Peaks meets Resident Evil“ ist, der hört am besten JETZT auf zu lesen und spielt einfach selbst – es lohnt sich!

Wer doch ein wenig im Vorfeld wissen möchte: Spielerfigur ist der FBI-Agent Francis York Morgan, der die amerikanische Kleinstadt Greenvale aufsucht, um dort einen mysteriösen Mordfall aufzuklären. Eine junge Frau wurde grausam ermordet und der örtliche Sheriff samt Team sind ratlos. Agent York, wie er genannt werden möchte, übernimmt den Fall in seiner typisch seltsamen Art und Weise, die irgendwo zwischen selbstbewusst-charmant und überheblich-beleidigend liegt, und ermittelt fortan mit Unterstützung von Sheriff George sowie Deputy Emily und Thomas. Bei ihren Ermittlungen, die von einem Schauplatz in der von Wäldern und wunderschönen Gewässern umgegebenen Stadt zum nächsten führen, spricht Agent York immer wieder zu jemandem, den er „Zach“ nennt, was seine realen Begleiter gerne verwirrt und auf die Palme bringt.

Das Gameplay wechselt bei alledem zwischen Ermittlungsabschnitten, in denen man die Open World zu Fuß oder im Polizeiauto erschließt, und Action-Abschnitten, in denen York allein vor Ort ist und Zombies überwinden muss. Ja, richtig gehört, Zombies, oder wie auch immer man die willenlosen, untoten Gestalten nennen möchte. In der Regel läuft es so ab, dass man an einem Schauplatz angelangt, allein in ein Gebäude geht, und schon der rote Ladebildschirm anzeigt: Jetzt beginnt ein Survival-Abschnitt! Binnen dieser linearen Abschnitte gilt es, Hinweise für die Profilerstellung zu sammeln, um herauszufinden, was sich zugetragen hat. Als jemand, der Gruselspiele zwar der Atmosphäre wegen mag, dennoch Grusel eher aus dem Weg geht, kann ich beruhigen: Der niedrig angesetzte Schwierigkeitsgrad (ich habe auf „normal“ gespielt) sorgt dafür, dass nie Frust aufkommt. Das Schießen selbst funktioniert über eine Lock-On-Funktion (man kann auch frei zielen), es bedarf also keiner Shooter-Skills, um hier durchzukommen. Und die Gegner selbst sind eher langsame, dumme Zombie, die sich zumeist einfach abballern lassen. Wird man doch getroffen, erhält man genügend Heil-Items, zumal auch die Checkpoints sehr fair gesetzt sind. Dennoch sind diese Action-Abschnitte mit Sicherheit der Tiefpunkt des Spiels, ganz einfach weil es wenig Spaß macht, einen hakeligen Shooter ohne echte Herausforderung zu spielen, der auch überhaupt nicht zum realistischen Rest des Spiels passt. Wenn man dann noch die nervigen Quick Time Events bedenkt, die der Regenmantelmörder erfordert …

Eben dieser legendäre Regenmantelmörder ist der große Bösewicht des Spiels, dem man auf den Spuren ist. Genau deshalb sind die Ermittlungsabschnitte, während derer man in und um die Stadt herum reist und Leute befragt, der beste Teil des Spiels. Ich bin kein Fan von Superlativen, dennoch fällt mir auf Anhieb kein anderes Spiel ein, das eine so spannend inszenierte, erwachsene Geschichte erzählt wie Deadly Premonition. „Erwachsen“ soll dabei nicht ausdrücken, dass Gewalt vorkommt (das tut es), sondern, dass sich das Spiel viele ernste Themen vornimmt, die man überhaupt nicht erwarten würde, vor allem in einem Spiel, dessen Nachfolger exklusiv für eine Nintendo-Konsole erscheint. Erfreulich ist dabei, dass diese ernsten Themen nicht mit dem Holzhammer in den Mittelpunkt gerückt werden, sondern Agent York wie nebenbei darüber spricht, etwa wenn er seinen temporären Kollegen von früheren FBI-Fällen erzählt. Es darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass Deadly Premonition neben sehr ernsten Motiven auch sehr bizarr und oftmals zum Schreien lustig ist. Dass das Spiel seltsam ist, merkt man spätestens dann, wenn ein Schwarm Fliegen um die eigene Spielfigur kreist, weil man den Anzug seit längerem nicht waschen gelassen hat!

Keine Sorge, die wenigen Sim-Elemente (Hunger, Schlaf, Sauberkeit) lassen sich schnell nebenbei erledigen und müssten schon mutwillig ignoriert werden, damit sie zum Ärgernis werden. Es fügt einfach ein absurdes Element hinzu, das irgendwie hineinpasst in dieses Charakterstück in der Stadt Greenvale. Was an Budget für Grafik offenbar nicht drin war, muss wohl in Synchronisation und Cutscene-Editing geflossen sein. Die vielen Charaktere in Deadly Premonition sind die reinste Schau, einer auf seine Weise erinnerungswürdiger als der nächste. Sowohl Voice-Acting als auch Gestikulieren der Figuren machen den Eindruck, als würde man eine gute TV-Serie gucken, was im Bereich Videospiele ein ziemlich hohes Niveau an Erzählqualität darstellt. Der Vergleich zur berühmten Mystery-Serie Twin Peaks könnte hier treffender nicht sein, Fans davon haben also Grund zur Freude. Am Ende ist es wohl dieser Mix aus todernsten Geschehnissen und brüllend komischen Situationen, der Story und Charaktere so nachdrücklich erscheinen lässt und dafür sorgt, dass man sich für das, was man erzählt bekommt, auch wirklich interessiert.

Wer sich ein Gameplay-Video zu Deadly Premonition ansieht, hat meist bereits verloren. Dann nämlich brennt sich vor allem der Eindruck von hässlichster Grafik ins Hirn und die Bereitschaft, sich dennoch auf dieses höchst kuriose Abenteuer einzulassen, schwindet beträchtlich. Ich möchte deshalb nur noch einmal betonen, dass Deadly Premonition aller Ratio zum Trotz ein Must-Have für alle Mystery-Fans ist. Selten erlebt man das komplette Spektrum an Emotionen so intensiv, wechselt von Spannung zu Grusel zu Lachen zu Weinen.Warum aber beim Waffenwechsel eine Hupe erklingt, weiß ich auch nach dem Durchspielen nicht.


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