BERSERK (1997)

Vor kurzem ereilte uns also die Nachricht, dass BERSERK-Mangaka Kentaro Miura verstorben ist. Mit gerade einmal 54 Jahren hat uns ein Meister seines Fachs leider viel zu früh verlassen. Jeder handhabt den Verlust eines Menschen anders; ich selbst kannte Miura nicht persönlich, weshalb sich mein Verlustgefühl vor allem auf sein Meisterwerk, BERSERK, konzentriert. Und ich wüsste keinen besseren Weg, diesem Menschen Tribut und Respekt zu zollen, als anderen von eben jener Geschichte zu erzählen, die, selbst wenn sie niemals ein Ende sehen sollte, zu einer dieser essentiellen Geschichten der Fiktion gehört, die jeder erlebt haben sollte. Zumindest was diese erste Anime-Adaption angeht, muss sich auch niemand darum sorgen, dass das Ende fehlt – das tat es schon immer, und dennoch ist dieser Anime ohne jeden Zweifel sehenswert!

Studio: OLM, Inc.
Genre: Seinen, Dark Fantasy
Folgen: 25

Vorab sei gesagt: Diese Anime-Serie von 1997 hat nichts mit der neueren Adaption von 2016 zu tun. Letztere fiel leider enttäuschender CGI-Grafik zum Opfer und wird noch heute von Anime-Fans als Beispiel dafür, wie man eine Manga-Serie NICHT ins bewegte Bild umsetzen sollte, zitiert. Glücklicherweise ist die 1997er Serie, um die es hier geht, noch auf gute, alte Art und Weie per Hand gezeichnet und animiert, was ebenfalls nicht durchgehend positiv, doch aber stimmig ist. Wie alle BERSERK-Adaptionen lässt auch dieser Anime einige Szenen, ja, ganze Geschichtsabschnitte aus, sodass Fans guten Gewissens mit dem Anime einsteigen können und beim Lesen des Manga trotzdem noch viel Neues zu sehen bekommen. Das liegt wohl vor allem daran, dass BERSERK alles andere als zimperlich ist, was Gewalt und Sex, und gerne auch beides in Kombination, anbelangt. Dabei sei gesagt: BERSERK verherrlicht Gewalt und Vergewaltigung nicht, sondern zeigt lediglich, wie die Konsequenzen in einer glaubwürdig dargstellten Fantasy-Mittelalter-Welt nunmal aussehen. Aber dazu später noch mehr.

Guts ist ein junger Bursche, der sich seinen Lebensunterhalt auf gefährliche Art und Weie verdient – als Söldner. Trotz seiner zu Serienbeginn noch kleinen Gestalt, kämpft er in blutigen Massenschlachten mit und das mit Erfolg. Immerhin lebt er ja noch. Eines Tages führt ihn der Zufall zu den Falken, einer bekannten und geschätzten Söldnergruppe, angeführt von Griffith, einem, vermeintlich, Schönling, dem alle folgen. Der eigensinnige, unbezähmbare Guts weigert sich, das einfach so anzuerkennen und lässt es auf ein Duell mit Griffith ankommen. Und verliert. Fortan wird Guts zu Griffiths Eigentum und muss als Mitglied der Falken bleiben.

Die Geschichte zeigt fortan, wie die Falken dank der klugen Strategien ihres Anführers, sowie der tatkräftigen Unterstützung der Unterführer, darunter auch die schöne, jedoch unnahbare Cjaska, einen Erfolg nach dem anderen feiern können und schließlich vom König offiziell anerkannt und in den Adelsstand erhoben werden. Das Leben ist den Umständen entsprechend gut und auch Guts hat sich bei den Falken eingelebt, sich sogar einen Namen gemacht, da er mit seiner Stärke und Unnachgiebigkeit stets an vorderster Front mitkämpft und entscheidend zum Erfolg aller beiträgt. Und dann geht alles schief.

Was genau schief geht, will ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben. Nur soviel vielleicht: Die Geschchte von BERSERK versteht es meisterlich, mit fantastischen Elementen sparsam umzugehen, sodass der irgendwann stattfindende Umschwung hin zu magischeren, überweltlicheren Geschehnissen umso effektiver auf den Zuschauer einwirkt. Einmal verfolgt man den Werdegang einer Söldnertruppe – ein andernmal steht da plötzlich ein Monster, wie gerade der Hölle entsprungen, und stellt das gesamte Lebenskonzept der Helden auf den Kopf.

Einer von Guts ersten Gegnern – ziemlich großes Schwert, eh?

Der 1997er Anime von BERSERK lohnt sich, neben viellen anderen Aspekten, vor allem aus drei Gründen: Erstens erzählt BERSERK, wie eingangs erwähnt, einer dieser essentiellen Geschichten, die man kennen sollte. Herr der Ringe, Star Wars, Jurassic Park, Neon Genesis Evangelion, Breaking Bad – BERSERK spielt in eben dieser Riege mit. Selbst wenn man all die Besonderheiten außer Acht lässt, hat Kentaro Miura schlichtweg eine hervorragend geschriebene Dark Fantasy-Geschichte erschaffen, die mitnichten nur brutal und gewalttätig ist, sondern enorm viel Zeit auf ihre Charaktere und deren Miteinander anwendet. Der Manga, den ebenfalls jeder lesen sollte, geht dabei sogar noch ein Stück weiter, doch auch der Anime sorgt dafür, dass man die verschiedenen Figuren so richtig ins Herz schließt. Zweitens ist der Soundtrack von Susume Hirasawa genauso einzigartig wie der Anime, für den er komponiert wurde, und es ist wohl einer dieser mysteriösen Zufälle, dass genau dieser Soundtrack für diesen Anime erschaffen wurde. Mal fern und himmlisch, mal bedrohl, nah und bizarr – die Melodien, die Hirasawa den Bildern zuordnet, erheben die Geschichte Miuras noch einmal in hörere Sphären, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Und drittens gibt es in meinen Augen keine anderer Geschichte überhaupt, ob Manga, Anime, Bücher oder Hollywood-Filme, die einen derart surrealen Twist präsentiert, verflochten mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das sich wie ein anhaltender Schlag in die tiefste Magengrube anfühlt. Näher sollte man sich gar nicht mehr informieren, sondern den Fans, darunter meine Wenigkeit, einfach mal vertrauen: BERSERK-Gucken lohnt sich, versprochen!

Ich sprach bereits von der unerbittlichen Darstellung von Gewalt, Sex und Vergewaltigung. BERSERK ist definitiv keine Serie für Kinder. Die Welt des Königreichs Midland ist ein raues Pflaster, eines, in dem zivilisatorische Höflichkeiten nichts gelten. Dabei ist der Anime bereichts entschärft, verglichen mit dem Manga-Original; übrigens mit OK von Autor Miura selbst. Doch auch der Anime bietet angefangen von expliziten Sex-Szenen, einer eindrücklichen Vergewaltigung, Massenmord und Kindertod alles, was man sich vorstellen kann. Was in dieser Auflistung schlimm klingt, wird allerdings mit Sinn und Logik in die Geschichte eingebaut – die Gewalt ist stets die logische Folge der grausamen Geschehnisse, nie fällt eine Szene in die Kategorie „Fan-Service“, wie es heutzutage zuviele Anime auf billige Art und Weise tun. Anders gesagt: Wer mit Game of Thrones klar kam, sollte auch BERSERK gut ertragen. Nur, dass Game of Thrones definitiv mehr unnötigen „Fan-Service“ hatte.

BERSERK ist eine Geschichte, die mich begleitet, seit ich sie erstmals mit diesem Anime von 1997 begonnen habe. Nach dem Anime ging es sofort ran an die Manga-Bände. Und auch wenn die 2016er Adaption enttäuschend war, war es dennoch großartig, endlich auch spätere Kapitel animiert zu sehen. Mit Miuras Tod steht nun die Frage im Raum, was mit BERSERK weiter geschieht. Für immer unvollendet? Vielleicht doch von Miuras Assistenten zu Ende geführt? Oder gar etwas ganz anderes? Wie auch immer es kommt, das Abenteuer rund um Guts ist ein Muss für alle, die eine dieser seltenen Geschichten, die einen einfach packen, erleben wollen. Der 1997er Anime ist dabei ein hervorragender Einstieg, weil audiovisuell ansprachend ist und gleichzeitig genug Material auslässt, sodass der anschließende Einstieg in den Manga nicht von allzuvielen langweiligen Wiederholungen geplagt sein wird. „Langweilig“ ist BERSERK aber ohnehin nie – selbst beim zehnten Rewatch oder Re-Read nicht.

Kentaro Miura 1966-2021 RIP

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